Der hessische öffentliche Gesundheitsdienst erhält auf Basis eines digitalen Verfahrens eine bessere Planungsgrundlage bezüglich saisonaler Krankheitsausbrüche. Gemeinsam mit der Universitätsmedizin Frankfurt hat das Hessische Landesamt für Gesundheit und Pflege (HLfGP) das Projekt „Prospektive Steuerung regionaler Ressourcen auf Basis algorithmischer Modellierungen im Falle saisonaler Krankheitsausbrüche 2.0“ (kurz: „ProSReMod 2.0“) gestartet.
„Umsetzung von zentralen Lehren der Corona-Pandemie“
Ziel des Vorhabens ist es, den 24 hessischen Gesundheitsämtern sowie den Krankenhäusern und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten mit der Prognose von Infektionszahlen bei akuten respiratorischen Erkrankungen, Influenza, RSV und Covid-19, ein Planungswerkzeug an die Hand zu geben. Das Projekt, das seinen Schwerpunkt auf die technische und administrative Aufbauphase legt, läuft von Juli bis Dezember 2026 und wird mit Fördermitteln des Paktes für den Öffentlichen Gesundheitsdienst unterstützt.
„Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig belastbare Daten, klare Lagebilder und vorausschauende Planung für das Gesundheitssystem sind. Wir haben erlebt, dass verspätete oder unvollständige Informationen zu Überlastungen, Engpässen und Verunsicherung in der Bevölkerung führen können. Ein Tool, das saisonale Krankheitsausbrüche systematisch erfasst und auswertet, stärkt unsere Fähigkeit, früh zu reagieren, Ressourcen gezielt einzusetzen und damit Versorgungsstrukturen leistungsfähig zu erhalten. Damit setzen wir eine zentrale Lehre aus der Pandemie um: Gute Daten sind der Schlüssel zu guten Entscheidungen – und damit zu mehr Gesundheitsschutz für alle“, erklärte HLfGP-Präsidentin Regine Bresler.
Entwicklung der Infektionszahlen in kommenden drei Wochen
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Entwicklung digitaler Verfahren zur Prognose von saisonalen respiratorischen Erkrankungen in der hessischen Bevölkerung. Mithilfe dieser Verfahren sollen Gesundheitsämter, Krankenhäuser und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte frühzeitig über ein hohes Aufkommen von Patientinnen und Patienten informiert werden und entsprechende Maßnahmen abstimmen können. Um dieses Ziel zu erreichen, werden anonymisierte Daten zu gemeldeten Infektionen und Daten der hessischen Sentinel-Surveillance, ein epidemiologisches Überwachungssystem, welches stichprobenartig Daten zu bestimmten Krankheiten oder Gesundheitsereignissen sammelt, analysiert. Auf Basis etablierter algorithmischer, wahrscheinlichkeitsbasierter Verfahren wird berechnet, wie sich die Infektionszahlen bis zu 21 Tagen in die Zukunft entwickeln. Zusätzlich sollen öffentlich zugängliche Datensätze des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und des Robert-Koch-Instituts (RKI) verwendet werden, um die Versorgungssituation in Hessen abzubilden. Informationen werden den Gesundheitsämtern, Krankenhäusern und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte dann gebündelt und übersichtlich in einem Dashboard zur Verfügung gestellt.
Die Stabsstelle Medizinische Informationssysteme und Digitalisierung (Leitung: Dr. Michael von Wagner) und das Institut für Medizininformatik (Leitung: Prof. Dr. Holger Storf) der Universitätsmedizin Frankfurt bringen dabei ihre Erfahrungen sowie ihre wissenschaftliche und technische Expertise aus vorangegangenen Projekten mit ein, in denen entsprechende Verfahren bereits erprobt und evaluiert wurden. Das HLfGP koordiniert das Vorhaben, stellt einen engen Kontakt zu den Gesundheitsämtern her und begleitet die praktische Umsetzung.
„Gemeinsam mit unseren Partnern übertragen wir wissenschaftliche Erkenntnisse in ein Werkzeug, das Gesundheitsämtern, Krankenhäusern und der medizinischen Versorgung einen konkreten Mehrwert bietet. Belastbare Prognosen helfen dabei, Ressourcen frühzeitig zu planen und die Versorgung auch während saisonaler Infektionswellen bestmöglich sicherzustellen.“, sagt Dr. Michael von Wagner, Geschäftsführender Direktor des University Center for Digital Healthcare (UCDHC) der Universitätsmedizin Frankfurt sowie Leitung der Stabsstelle Medizinische Informationssysteme und Digitalisierung.
Prof. Dr. Holger Storf, Direktor des Instituts für Medizininformatik und wissenschaftlicher Leiter des Datenintegrationszentrums (DIZ) der Universitätsmedizin Frankfurt, ergänzt: „Durch die intelligente Verknüpfung verschiedener Datenquellen schaffen wir die Grundlage für belastbare Prognosen und eine vorausschauende Planung im Gesundheitswesen. Dabei gewinnen wir neue Erkenntnisse darüber, wie unterschiedliche Gesundheitsdaten wissenschaftlich fundiert zusammengeführt und für praktische Entscheidungen nutzbar gemacht werden können.“
In einer ersten Projektphase, die bis Ende Dezember 2026 läuft, werden die zur Verfügung stehenden Daten auf Nutzbarkeit und Konsistenz geprüft, Workshops mit den Gesundheitsämtern durchgeführt, und die technischen Grundlagen für das Projekt geschaffen. Anschließend sollen die Prognoseergebnisse validiert und der Nutzen für die Gesundheitsämter ermittelt werden. Live gehen soll das Tool dann spätestens im ersten Halbjahr 2027. In der Erprobungsphase soll bis Ende des Jahres 2026 bereits ersten Nutzerinnen und Nutzern des öffentlichen Gesundheitsdienstes Testzugang gewährt werden.